DER Yoga und DIE Anfängerin

Ich sitze auf dem Boden und meditiere. Schon wieder. Zumindest gebe ich mein Bestes. Gedanken kommen, ich versuchte mich zu bedanken, dass ich darauf aufmerksam wurde, so wie es mir mein Yoga-Lehrer gesagt hat. „Danke, du g‘schissener Gedanke – und jetzt schleich di!“ Wow, das klappt ja schon sehr gut. Oder muss man netter sein zu seinen Gedanken? Würden es einem die Gedanken nachher wieder heimzahlen, und einen nur noch mehr drangsalieren? Schluss, aus – Konzentration. Ich bin leer. Ich atme ein, atme aus. Au, mein Rücken schmerzt. Eine kleine Stelle unterm Schulterblatt, rechts. Es zwickt, immer mehr. Darf ich die Position wechseln? Lieber nicht, alles ist so ruhig und ich will keinen stören. Wie viele Minuten sind wir wohl schon in der Meditation? Mein Magen grummelt. Hoffentlich machen wir bald Mittagspause, ich hab solchen Hunger. Ach ja, genau: „Danke, depperter Gedanke und jetzt verpiss dich!“. Irgendwie bin ich raus aus der Entspannung. Ich versuch‘ es nochmal, auch wenn ich merke, wie die Wut in mir aufsteigt. Der Widerstand gegen mich selbst, mal ganz was Neues…Aus jetzt, zurück, einatmen, ausatmen…autsch.

Das war sie also, meine erste Meditation am ersten, vollständigen Kurstag meiner Yogalehrer-Ausbildung. Voll von Erwartungen, die umgekrempelt wurden und ganz viel von dem, was ich nicht konnte. Ein bisschen von dem, was ich konnte. Und ganz viel g’schissene Gedanken. Aber vielleicht fange ich einfach von vorn an.

Als ich kurz vor Weihnachten wieder mal in meinem Bürostuhl in der Arbeit saß und über einer fetten Budgetrechnung brütete, beschloss ich, ich muss neu anfangen. Mitten in der Anfang-30er-Krise angelangt, war es aber gar nicht so leicht, etwas außerhalb meiner 40-stündigen Büro-Komfortzone zu finden, was ich wirklich wollte. Denn ich weiß irgendwie immer nur, was ich nicht will. Nie, was ich will. Oder man könnte auch sagen: Ich hab „Champagne Problems“, wie Taylor Swift es trällert. Von der Tierpsychologin bis hin zur Marketing-Agentur für Bordelle waren sämtlich Karriereträume dabei. Schließlich kam ich aber darauf zurück, was schon ewig in meinem Hinterkopf herumspukte, ich mich aber vorher nie getraut habe: Ich wollte mich zur Yoglalehrer-Ausbildung anmelden. Damals machte ich mir noch Sorgen, dass ich evtl. zu wenig Erfahrung habe, was die Asanas und Körperbeherrschung betreffen. Erst später sollte ich erfahren, dass ich wirklich andere Sorgen haben würde.

Nachdem ich bei einem etwas chaotischen Zoom-Termin voller abgeschnittener Gesichter, fehlender Lautstärke und irritierenden Lichtverhältnissen unseren damals gerade mit Covid infizierten Lehrer Lois kennenlernte, habe ich mich sofort zum Kurs angemeldet. Er war die Sorte Yogi, mit der ich mich gleich wohl fühlte. Ehrlich, lustig, easy-going. Und außerdem kommen wir aus dem gleichen Tal in Salzburg – und der Bauer frisst ja bekanntlich lieber, was er schon kennt… oder so ähnlich. Jetzt hieß es, zu warten und zu hoffen, dass wir trotz Corona-Chaos in Tirol bald starten würden dürfen.

Freitag, 1. Kurstag

Schließlich ist es Freitagnachmittag und ich komme gerade noch pünktlich zum Start des ersten Kurswochenendes von insgesamt 10, 1 x im Monat, 10 Monate also bis zum Abschluss. Extra früh losgefahren, natürlich verfahren, keuchend als letzte Teilnehmerin in den Raum gestolpert und dann bemerkt: Ich war seit einem Jahr nicht mehr mit so vielen Menschen in einem Raum. Meine Unsicherheit lässt grüßen, aber sie ist nicht alleine, sondern eine kollektive und angenehme Brise (vielleicht ist es aber auch nur die Zugluft der geöffneten Fenster, wer weiß das schon so genau).

Die erste Meditationsrunde ist angenehm, obwohl ich da schon merke, dass ich nicht in meinem gewohnten Element bin. Als mir die Assistenzlehrerin, eine ganz, ganz, ganz ausgeglichene Yoga-Blüte, sagt, dass die Asanas tatsächlich nur ca. 5 % des gesamten Yoga ausmachen, muss ich das erst einmal verdauen. Bis jetzt habe ich nur eben das gesehen, Körperübungen. In jedem Kurs und in jeder Online-Praxis verbiegen und verrenken sich die Lehrer/innen und lassen einen staunend und auch manchmal etwas frustriert zurück. „Warum kann der das? Wie quetscht die sich in so enge Leggings? Wo ist der ihr Bein hin verschwunden?“ Solche Sachen habe ich mich bis jetzt immer in Bezug auf Yoga-Einheiten gefragt. Und jetzt sagt mir jemand, dass das alles nur ein winziger Teil des Ganzen ist, eine Vorbereitung auf die Meditation und im weiteren Sinne auf die Erleuchtung. Ich bin gespannt, aber auch jetzt schon etwas müde von all den neuen Eindrücken.

In der Pause wird kräftig geschnattert. Neun Kursteilnehmerinnen, und alle sind aufgeregt. Ich bin jetzt schon ein bisschen fertig, was aber sicher auch am Timing der ersten Einheit liegt. Ich bin nämlich gerade ein körperliches Hormonwrack, dank Absetzung der Dreimonatsspritze vor, ja genau, drei Monaten. Seitdem warte ich auf die rote Welle, vergebens. Dafür haben die vielen, bunten PMS-Symptome schon vor zwei Monaten an die Tür geklopft, und inzwischen hämmern sie. Ich fühle mich also wie ein voller Wasserballon, der nur mehr an zwei Fingern über einen Abgrund gehalten wird. Alles in allem bin ich also nicht gerade ein lebensfrohes Energiebündel. Mein Motto ist: Einrollen und verkriechen. Deshalb rede ich nicht viel und blende den Lärm so gut wie möglich aus. Es interessiert mich nichts weniger, als mit der 45-jährigen Hobbymama über ihre Chinesiologie-Methoden oder mit der 29-jährigen, selbst ernannten Yoga-Expertin über ihre bisherigen Erfahrungen mit dem Schulterstand zu diskutieren. So viele Frauen auf einem Haufen, und alle haben etwas zu sagen. Das kann ja heiter werden. Hier muss ich definitiv meine Mitte finden. Sei es nur, um nicht gleich wieder umzudrehen und mit quietschenden Reifen abzuhauen. Die anstehende Vorstellungsrunde unterbindet meine Flucht-Reflexe auch nicht gerade. Aber nach vier Stunden ist die erste Einführung auch schon wieder vorbei, wir schließen mit einer Entspannungsübung ab. Ich bin nicht entspannt.

Wichtige Neuerkenntnis heute (zumindest für eine Rechtschreib-Grausbirn wie mich): Es heißt DER Yoga, nicht DAS Yoga. Daher auch der Name meines Blogs, falls jemand zu faul war, das Intro zu lesen. 😉

Samstag, 2. Kurstag

Ein neuer Start. Auf jeden Fall ein früher. Um 8 Uhr geht es los, wieder mit einer Meditation. Und spätestens da wird mir klar: Irgendwie musst du dich daran gewöhnen, viel herumzusitzen und in dich zu gehen. Von meiner Zeit an der Schauspielschule weiß ich, es kann nur besser werden und es ist normal, anfangs Wiederstände zu spüren. Als ich es anspreche, sagt mir Lois, ich soll alle meine Gefühle annehmen und sie beobachten. Allerdings kommt es mir vor, als wäre ich die Einzige, der es hier so geht. Alle anderen sind für mich mental schon meilenweit voraus. Genau dann meldet sich meine Mattennachbarin, Emma, und sagt, ihr gehe es auch so. Emma möchte nach der Ausbildung Yogaunterricht für etwas beleibtere Menschen anbieten. Auch sie hat eine kurvige Figur und war sich anfangs nicht sicher, ob sie hier richtig ist. Ich bin sehr froh, dass sie da ist.

Es ist ein sehr langer Tag. Am Nachmittag haben wir bereits einige Aufwärmübungen, Asanas und Lernstoff durch und ich spüre jeden Muskel in meinem Körper, auch mein Rücken und Kopf schmerzen. Noch keine Erleuchtung. Lois erzählt von diesem Zustand und was er im Yoga bedeutet. Zu erkennen, dass alles, was man sein oder haben möchte, schon lange da ist. Dazu gibt es viele Inputs aus der Runde, manche Stimmen sind laut und möchten viel erzählen, manche leiser. Ich lerne, dass ich nicht alles hören muss und doch jeden so akzeptieren möchte, wie er ist und was er mitbringt. Doch es ist schwer, all das nicht mit nach Hause zu nehmen. Um halb 7 ist der Kurs aus.

Am Abend möchte ich nur noch essen und ins Bett gehen. Solch eine geistige und körperliche Erschöpfung habe ich schon lange nicht mehr gespürt. Ich fühle mich ausgeleert und auch etwas ausgeliefert. Als mich mein Freund fragt, wie es war, kann ich ihm nicht antworten. Wie war es eigentlich? Intensiv, mehr kann ich nicht dazu sagen. Um halb 9 sinke ich in einen schweren, unruhigen Schlaf.

Sonntag, 3. Kurstag

Die Müdigkeit schlägt sich heute nicht mehr so stark nieder und auch die Meditation fühlt sich gewohnter an, als noch gestern. Meine 22-jährige Kurs-Kollegin Helena erzählt mir, dass es ihr genau so geht. Sie ist etwas überfordert und kann nicht wirklich beschreiben, wie es ihr im Kurs geht. Wir finden aber beide, dass es in Ordnung ist und erst der Anfang unserer Yoga-Reise. Zum Abschluss des Tages bilden wir Gruppen zu zweit und üben an unseren Partnerinnen bereits die erste Ansage einer Entspannungsübung. Nun habe ich zum ersten Mal das Gefühl, ich bin in einer Ausbildung, nicht nur in einem intensiven Yoga-/Selbsthilfe-Kurs. Vier Teilnehmerinnen werden von Lois eingeteilt, das nächste Mal Übungen anzusagen. Ich melde mich noch nicht, lieber erst mal anschauen und lernen. Als ich mich verabschiedet habe und nach Hause fahre, weiß ich zumindest eines: Ich bin wirklich stolz auf mich und bin gespannt, wie es das nächste Mal weitergeht. Aber jetzt brauche ich erst einmal Zeit, das alles zu verarbeiten.

Unsere Hausaufgabe bis zur zweiten Kurseinheit ist es, jeden Tag 10 Minuten zu meditieren. Also, ihr g’schissenen Gedanken – bring it on!

5 Kommentare zu „DER Yoga und DIE Anfängerin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: