Vom Lostreten und Wegrollen

Oder: Frauen sind die Zukunft

Zweites Ausbildungswochenende – Freitag

Heute war ein zacher Tag. Echt zach. Es ist so viel passiert und ich habe so viel gesagt, alles ist aus mir herausgesprudelt. Deshalb ist die Anfangsmeditation wieder eine Endlosschleife an Gedanken. Außerdem schmerzt mein Rücken wieder stark, es sticht bei jeder Einatmung – typisch zum Ende einer Woche voller Sitzen. Unser Kursleiter Lois sagt dazu: Sitzen ist das neue Rauchen. Irgendwie ist auch die Gruppendynamik anders, viel ruhiger. Man kennt sich und muss nicht mehr alles aussprechen, um gehört zu werden.

Nach einer langen Meditation und Anfangsentspannung erzählt erst einmal jede, wie es ihr in diesem Monat ergangen ist, mit der Hausübung und generell. Von Kindheitstraumata bis Wohnzimmer-Neugestaltungen ist alles dabei – wir sind eben echt ein bunter Mix voller Gefühle. Als ich an der Reihe bin, fällt mir das besonders auf. Eigentlich wollte ich heute nicht viel sagen, aber, wie schon ein paar Stunden zuvor in der Arbeit und auch öfter im Leben, geht das Konzept der edlen Zurückhaltung vollkommen in den Arsch. Ich erzähle von meinem heutigen Gespräch mit meinem Chef und davon, dass ich in Zukunft weniger angestellt und mehr selbstständig sein möchte, weil mir nach neun Stunden sitzen abends vor lauter Schmerzen die Tränen in die Augen steigen und ich mir endlich zutrauen möchte, mehr von meinem Potential zu nutzen. Davon, dass der Mensch, der ich eigentlich bin, unter Bergen von Weh und Arbeit und Rollen, die ich im Alltag zu erfüllen versuche, begraben liegt und wie ich plane, ihn wieder unter all dem Mist herauszuschaufeln. Und von diesem Blog. Obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte. Aber irgendwie bin ich auch stolz darauf und verlasse mich auf die liebenswerten und ungewohnten Komplimente, die ich in der letzten Woche dazu gehört habe. Die Katze ist aus dem Sack! Und irgendwie, denke ich mir, wird es wohl keinen so genau interessieren. Aber die Nachfrage ist groß, alle möchten meinen Beitrag lesen. So fühlt es sich also an, das ehrliche Interesse. Obwohl man sich noch gar nicht wirklich gut kennt. SEHR schön.

Die vier Stunden Kurs vergehen wie im Flug, obwohl wir singen. JA, singen. Auch noch einen Klassiker, nämlich: „Om Tryambakam“. Ist zwar keine alte Scheibe von Britney, sondern ein beliebtes Mantra in Sanskrit und fühlt sich anfangs auch noch nicht wirklich so hitverdächtig an wie „Hit me baby, one more time“. Aber wir haben ja noch 2 Tage, um die angeblich heilende Wirkung zu spüren. Und außerdem unseren neuen Assistenz-Lehrer Martin mit seiner Gitarre, der samstags dann kurz zu Christoph und sonntags auch mal zu Thomas wurde. Aber wer nimmt das schon so genau. Auf jeden Fall hat er seine Gitarre dabei und begleitet uns in unserem Gesangs-Gemurmel. Während wir die letzte Pause machen, gratuliere ich meiner ältesten und auch quirligsten Kurs-Kollegin Ingrid noch zu ihrem fetzigen Pullover, auf dem „Female is the future“ steht. Danke, sagt sie. Und danach: Was steht denn da? Die Zukunft ist weiblich, sage ich. YEAH, schreit sie. Dieser Moment ist mit Abstand das Highlight meines Tages. So eine lustige Frau. Um kurz nach acht Uhr packen wir zusammen, am Abend kann ich lange nicht einschlafen. Denn in mir schlummert ein Gefühl, das schon lange nicht mehr da war. Abenteuerlust.

4 Kommentare zu „Vom Lostreten und Wegrollen

  1. Klasse geschrieben Lisa, muss immer schmunzeln mit deinen Texten….schön lustig erzählt und du schreibst alles so auf, wie es von dir heraus sprudelt,habe ich das Gefühl 🤗 Wirklich toll und alle Details und Gefühle, Danke dafür. Echt nett geschrieben, liebe Grüße an dich, Waltraud

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