Veränderungen müssen wehtun

Zweites Ausbildungswochenende – Samstag

Obwohl ich ständig geträumt habe, den Wecker zu verpassen und deshalb sehr unruhig geschlafen habe, fällt das Aufstehen nicht ganz so schwer, wie noch am ersten Wochenende. Auf dem Weg zum Studio fängt mein Auto an, grausig nach verbranntem Gummi zu stinken und ich denke mir nur: Bitte, halt durch bis ich da bin! Alles andere ist mir egal, ich möchte einfach nur gemeinsam mit allen anderen den Ausbildungs-Tag beginnen. In dem Moment, als ich doch noch rechtzeitig und ohne Motorschaden angekommen bin, merke ich, dass sich wirklich etwas in mir verändert. Wahrscheinlich passiert das ständig und meistens unbemerkt, aber für mich ist es etwas Besonderes, dass es mir bewusst ist. Auch, wenn ich es nicht genau benennen kann, es fühlt sich gut an. Ich bin mir nun sicher, dass ich alles kann, was ich können will und die „ungesunde“ Angst vor dem Scheitern und dem Zu-Wenig-Sein ist weg. Ich möchte nur rechtzeitig ankommen, um loszulegen.

Lois ist motiviert und schlägt vor, zu Anfang wieder das Mantra-Singen zu üben. Leichter Widerwille ist noch da, aber es hilft nichts, da muss ich jetzt durch. Ist ja noch keiner am Singen gestorben und eigentlich mache ich es ja gerne. Also, wenn ich den Text aussprechen kann. Keiner sagt, wie oft wir die Strophe wiederholen, was zu leichter Verwirrung führt und ich kämpfe gegen meinen Kontrollwahn an, mich zu beschweren, dass es keine Anweisung, keine Führung, kein gemeinsames Ende gibt. Gleichzeitig wird mir klar, dass es vielleicht genau darum geht. So tiefgründig war ich an einem Samstag um 8 Uhr morgens schon lange nicht mehr, jetzt hätte ich mir eigentlich schon wieder ein Schläfchen verdient, finde ich. Aber nichts da, wir stehen auf und begeben uns in eine Geh-Meditation. Das kenne ich schon aus dem Schauspiel-Unterricht und fühle mich wohl damit, viel wohler, als mit der „unbeweglichen“ Variante. Was als achtsame, langsam abgerollte Bewegung, in der man jeden Nerv und Muskel der Füße spürt, beginnt, wird nach einigen Minuten zum immer schnelleren Spaziergang durch den Raum. Die Gedanken fließen, aber ziehen leicht wieder vorbei. Als wir nach ca. einer halben Stunde wieder zur Ruhe kommen, fühle ich mich wach(er) und leicht wie eine Schaumrolle.

Dieses Mal sagt meine Kurskollegin Esther die Anfangsentspannung und Vorübungen an. In der Pause davor wird die sonst sehr mitteilungsfreudige, kleine Blondine mit den eisblauen Augen ganz ruhig. Ich spüre ihre Anspannung und werde selbst ein wenig nervös, bin aber gleichzeitig froh, dass ich diese Situationen erst mal beobachten darf, bevor ich sie selbst durchleben muss. Als sie anfängt, merkt man allerdings nur mehr wenig ihrer Unsicherheit, sie macht es souverän und ordentlich. Was bei jedem von uns noch etwas wackelig wirkt, ist die richtige Wortwahl zu finden, die Atmung richtig anzusagen und die Übungen so zu beschreiben, dass jeder versteht, was gemeint ist. Am besten, man zeigt dann einfach vor und überlässt die Atmung nach anfänglicher Vorgabe dann jedem selbst. Oder man improvisiert, man ist ja dann Yogalehrer und die Leute vertrauen einem, da fällt das manchmal vielleicht gar nicht auf, rät uns Lois mit einem verschmitzten Lächeln. Das Motto lautet also auch hier: Fake it `til you make it. Genau mein Ding.

Die Asanas leitet wieder Lois an, dieses Mal bringen wir mehr Kraft ins Spiel und es wird anstrengend. Auf die langen Atem- und Entspannungsübungen eine echte Wohltat, mal ein bisschen auspowern. Jede Übung halten wir viel länger als im „normalen“ Yoga-Kurs und achten vom kleinen Zeh bis zur Fingerspitze auf unsere Körperspannung. Lois bessert uns aus, wir versuchen es noch einmal. Während ich in den Asanas verweile, blicke ich mich in der Runde um und ertappe mich beim Vergleichen. Von sehr sportlichen und kleinen, dünnen und langen sowie kurvigen Körpern ist alles dabei. Und wieder bleibe ich bei den Figuren und Haltungen hängen, die ich für besser befinde als meine. Ich bin enttäuscht von mir und meiner Oberflächlichkeit, aber am meisten, weil ich dachte, so vergänglichen und unnützen Dingen wie der Beurteilung von „Schönsein“ unverdiente Bedeutung zuzumessen, liegt in meiner Vergangenheit. Anscheinend haben aber all die Victorias Secret Models, die sich entschlossen haben, auch Online-Yogalehrerinnen zu werden, doch mehr Einfluss auf mich, als ich mir eingestehen möchte. Und dann bin ich enttäuscht, dass ich enttäuscht von mir bin und mich schon wieder so hart dafür kritisiere, dass ich mich kritisiere. Ach wisst ihr was, ich konzentriere mich einfach wieder auf meine Übung, ist sicher keine schlechte Idee.

Die Schlussentspannung übernimmt Emma, sie ist Psychotherapeutin und macht mit uns eine Traumreise zum Lieblings-Urlaubsort. Ich möchte gar nicht mehr zurückkommen. Herrlich. Man merkt, dass sie das schon öfter mit ihren PatientInnen gemacht hat, sie wirkt geübt und findet mit Leichtigkeit die richtigen Worte sowie ein ruhiges, konstantes Tempo.

In der Mittagspause gibt‘s Pizza und ich rede mit Helena noch mal über meine Arbeitssituation. Veränderungen macht man erst, wenn es g‘scheit wehtut, findet sie. Die weiseste 22-jährige Kristall-Verehrerin, der ich je begegnet bin. Danach gehe ich wie ein echter Lehrer-Streber mit Lois und Martin (alias heute Christoph) eine Runde spazieren. Wir reden über Geschichten von früheren Errungenschaften, die uns unsere Eltern und generell ältere Generationen gerne immer wieder mal auf den Bauch binden. Lois sagt, damit muss man schon früh anfangen, um es später zu perfektionieren und da wir alle drei bereits über 30 sind, fangen wir gleich damit an. Früher, da sind wir diese Wiese hier nicht einfach hinuntergegangen, da haben wir 25 Flick-Flacks gemacht, bis wir unten waren. Aber heute kannst du das ja nicht mehr machen, mit den jungen Leuten, schwelge ich in „Erinnerungen“. Früher, da war ich ja Profi-Basketballer, aber jetzt kann ich das leider wegen meinem Arm nicht mehr machen, berichtet Martin. Und so geht es dahin, bis Martin die Lieblingsgeschichte seines Vaters auspackt, welche dessen Kindheit, ein Loch im Dach und ein Schlafen unter einer zentimeterdicken Schneeschicht beinhaltet, die einfach nicht mehr getoppt werden kann. Gott sei dank sind wir hier nicht bei Sivananda*, denke ich, sonst wären wir sicher schon lange aufgrund von zu viel schrägem Humor verstoßen worden.

Der Nachmittag startet mit Anatomie-Theorie. Das Kapitel zieht sich, aber zum Glück haben wir unseren „Seppl“ (Vorzeige-Skelett), der uns alles ein wenig anschaulicher macht. Darüber gibt es einfach nicht mehr zu sagen. Anatomie eben.

Kurz vor dem heutigen Kursende werde ich erneut aufgefordert, meinen Blog in der WhatsApp-Gruppe zu teilen. Also gut, ich mach‘s, viel kann ja nicht passieren. Die ersten fangen sofort am Handy an zu lesen und ich werde nervös. Müsst ihr aber nicht gleich lesen, stresst euch nicht, versuche ich „entspannt“ einzuwerfen. Keine Chance, mehrere Augenpaare huschen über ihre Bildschirme. Da, jemand lacht. Ich kann wieder atmen. Dann lacht noch jemand. Und noch jemand. So gut, das bin ja ich, so lustig, wird durcheinander gemurmelt. In dem Moment weiß ich zwar nicht mehr genau, was ich alles geschrieben habe, bin deshalb aber nur noch mehr erleichtert. Ich hoffe, niemand fühlt sich angegriffen. Judith sagt, das ist VIEL zu gut geschrieben, als dass sie sich beleidigt fühlen könnte. Ein besseres Kompliment hätte man mir nicht geben können. Müde, aber ohne Kopfweh, mit wenig Rückenschmerzen und ziemlich zufrieden mit mir selbst fahre ich nach Hause. Und siehe da, der Auspuff stinkt nicht mehr.

*traditionelle Yoga-Zentren nach Swami Sivananda

Ein Kommentar zu “Veränderungen müssen wehtun

  1. Toll Lisa wie du uns mit teilhaben lässt 🤗😅 sehr spannend und aufregend wie du schreibst, jeder einzelne Gedanke und Gefühle sind mit dabei und ich mitten drin 😉😁lg.

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