Der Baum in meiner Brust

Zweites Ausbildungswochenende – Sonntag

Meine Lunge ist nur zu ca. 70 % funktionsfähig. Das ist so seit meiner Geburt und oft ein bisschen frustrierend. Besonders, wenn man eigentlich sportlich ist, aber dabei manchmal wirkt wie ein Kettenraucher mit Bierbauch. Atmen zu üben mag ich dafür umso lieber, es hilft mir auch mental und ich kann es einfach in Alltagssituation einbauen. Deshalb freut es mich, dass wir heute mit einer Meditation beginnen, die sich auf die Lunge konzentriert. Lois begleitet diese mit einer Geschichte über einen umgekehrten Baum in der Brust. Ich fühle seinen Stamm, seine vielen Äste und Verzweigungen, und sogar seine rauschenden Blätter (die Lungenbläschen). Er ist lebendig und bewegt sich im Einklang mit jedem Atemzug. Nach nur wenigen Minuten fühlt es sich an, als ob die Natur und all das wunderliche Leben darin zu mir gehören würden, und ich zu ihm. Ich fühle mich verbunden und denke, mein Körper ist ein Wunder. Und zum ersten Mal erkenne ich es in Demut. Für mich ist das „Göttliche“ im Yoga in mir, diesen Kompromiss habe ich bereits vor längerer Zeit mit mir selbst gemacht, da ich nicht an Gott, sondern an die Natur als Schöpferin und Richterin glaube. Jetzt kann ich es nicht nur denken, sondern auch spüren, nämlich im leichten Knarzen, Rascheln und Wiegen meines Lungen-Baumes.

Unser Mantra sitzt inzwischen, und wir widmen es dem Vater einer Kurskollegin, welcher heute morgen gestürzt ist und sich ein wenig wehgetan hat. Mir kommt es vor, als ob dieses Mal mehr Kraft darin liegt. In der ersten Pause reden einige über den Vorfall, über das Thema Demenz und wie man damit umgeht. Viele im Kurs haben in ihrer Familie damit Erfahrungen gemacht und ich denke an meine Oma, die mit Parkinsons kämpft und seit Wochen wegen einer Entzündung im Hüftgelenk im Krankenhaus liegt. In einem Anfall schlechten Gewissens rufe ich sie schnell an und frage sie, wie es ihr geht, sage ihr, dass ich gerade an sie denken musste. Ihr schlimmstes Problem scheint aber nicht ihre Gesundheit, sondern ihr Auto zu sein, welches meine Mutter ohne ihr Wissen verkauft hat, weil sie schon lange nicht mehr wirklich fähig ist, damit zu fahren. Nachdem sie mich 10 Minuten lang bejammert hat, dass sie nun nicht mehr mobil ist, lege ich auf. Es ist schwer, das Altern zu verstehen. Ich singe lieber noch ein Mantra für sie.

Auch dieses Mal werden die Anfangsentspannung sowie die Vorübungen von einer Kursteilnehmerin geleitet. Man merkt, dass sie früher viele Sprints gelaufen und sehr, sehr sportlich ist. Die Übungen sind kreativ und herausfordernd, die Ansage in ordentlichem Hochdeutsch. Ich glaube, das wird bei mir nicht ganz klappen, aber ein bisschen Dialekt finde ich, ist immer charmant. Ein BISSCHEN. Wir machen heute viele balancierende Asanas im Stehen sowie einige Planks und Ganzkörper-Kraftübungen. Alle Beine zittern im Chor. Als Lois uns noch den „Seestern“ zeigt (stellt ihn euch einfach extrem anstrengend vor), lasse ich mich platt wie eine Flunder auf die Matte klatschen. Helena muss heute als letzte dran glauben und leitet die Endentspannung an. Etwas leise, aber sehr beruhigend. Ich muss mich immer noch daran gewöhnen, dass bei dieser Phase jemand die ganze Zeit spricht, denn zuhause lausche ich dann immer nur der Stille. Aber Lois empfiehlt, hier nicht zu lange Pausen zu machen, da sonst sicher einige TeilnehmerInnen zu Schnarchen beginnen. Ich bin jetzt schon sehr gespannt auf meinen ersten, selbst geleiteten Kurs und spüre die Aufregung im Bauch, wenn ich an meine Zukunft in der Selbstständigkeit denke.

Nach ein wenig abschließender Theorie und einigen neuen Vorübungen, die wir noch durchnehmen, ist der Tag auch schon wieder vorbei. Lois teilt mich für nächstes Mal zur Anleitung einer Endentspannung ein, das passt mir gut, obwohl ich schon ein bisschen nervös werde, wenn ich das nur höre. Es wird Zeit, mal den großen Zeh ins Wasser zu tauchen. Wir erfahren, dass an den nächsten zwei Wochenenden Assistenz-LehrerInnen Karin und Tom den Kurs leiten. Tom war mir gleich sympathisch, als er sich am ersten Tag vorgestellt hat, bei Karin schrillen noch ein wenig die Alarmglocken für eine Überdosis an Harmonie und Süße. Aber wer weiß, vielleicht bin ich auch komplett auf dem Holzweg. Spätestens in einem Monat bin ich klüger. Und ihr auch. Ich verabschiede mich schnell, möchte nach Hause und mich ausruhen. Ich bin nun wirklich stolz auf mich und habe das Gefühl, dass sich etwas bewegt, dass ich vorankomme und dass ich dieser Ausbildung gewachsen bin, vielleicht sogar noch über mich hinauswachsen werde. Was auch immer das bedeuten mag. Auf dem Weg zum Auto ertappe ich mich dabei, wie ich leise unser Mantra summe. MIST, schon wieder so ein dummer Ohrwurm, denke ich. Und summe weiter.

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