Die tolerierte Perfektion

Prolog:
Lange habe ich überlegt, ob ich dieses Wochenende wirklich so aufschreiben soll, wie ich es empfunden habe. Ob ich jemanden damit verletzen könnte, ob ich mir das nächste Wochenende unbequem machen könnte, ob mich jemand darauf ansprechen könnte oder ein falsches Bild von mir bekommen könnte. Aber das hier ist mein Blog zur Yogalehrer-Ausbildung, und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass dies alles nicht meine Verantwortung ist, solange ich es als meine persönliches Empfinden schildere. Es ist mir wichtig, ehrlich zu sein, denn so möchte ich auch später meine Yoga-Einheiten gestalten. Genau so wie dieser Blog es für mich ist, sollen alle TeilnehmerInnen in meinen Kursen sich genau so ausdrücken und zeigen können, wie sie sind. Und vor allem stolz darauf sein. 🙂

Drittes Ausbildungswochenende – Samstag

Am Morgen wache ich mit einem seltsamen Gefühl im Bauch auf, etwas unsicher und ausgeliefert. Kurz überlege ich, ob ich einfach liegen bleiben soll. Aber darüber komme ich hinweg, ich will mir schließlich auch nicht nachsagen lassen, dass ich es nicht versucht hätte. Alles in allem also ein sehr egozentrischer, melodramatisch angehauchter Tagesbeginn.

Während ich die Treppen hinauf in unseren Yogaraum schlurfe, schimpfe ich mich innerlich für meine Vorurteile und nehme mir vor, mich dieses Wochenende in Toleranz und Loslassen zu üben. Im schlimmsten Fall ist es eine gute Lebens-Übung für mich. Dieser gute Ansatz hält exakt bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Türe aufmache, und wieder jemand denselben Schlager-Yoga-Song wie bereits am Tag zuvor aus den Lautsprechern trällert. Und das in 6 verschiedenen Sprachen. Ommmmmm, Lisa, oooooom, verdammt noch mal! Be better, do better. Das würde Karin wieder gefallen.

Der Ablauf ist ungefähr derselbe wie bei Lois, nur dass dieses Mal die Asana Praxis noch kürzer ausfällt. Die Mediation am Morgen leitet Tom. Ich mag ihn, aber seine Stimme schläfert mich ein und ich drifte ab in meine eigene Welt. Sonst gibt es über den Vormittag nichts zu erwähnen. Mittags esse ich mein Laugenstangerl, auf welches Karin später als ungesundes Lebensmittel anspielt – eh logisch – und gehe mit Helene spazieren. Ich erzähle ihr über meine Schwierigkeiten, mich an die neuen Lehrer zu gewöhnen, besonders an Karin. Sie redet mir gut zu und versteht mich, allerdings geht es ihr anders. Ich glaube, Karin erinnert mich an meine Stiefmutter. Somit ist eine Verbindung zwischen uns schon etwas negativ vorbelastet, um es vorsichtig auszudrücken. Ich wünsche mir mehr Struktur im Kursablauf und authentische, fehlerbehaftete Menschlichkeit. Weiß aber, dass ich nicht von anderen verlangen kann, so zu sein, wie ich ihn oder sie mir vorstelle. Es ist nur anstrengend, wenn man so ein ganzes Wochenende verbringen muss, ohne sich eine wirkliche Auszeit geben zu können. Man wird sich gegenseitig aufgedrängt. Ich entschließe mich, dass es in Ordnung ist, mich nicht mit jedem Menschen verbunden zu fühlen, manche auch nicht verstehen zu müssen. Aber je mehr sie mir predigt, man soll nicht über andere urteilen, man soll offen sein, gesund sein, ehrlich sein, liebevoll sein, ja einfach in allem so perfekt wie möglich sein, desto genervter bin ich.

Am Nachmittag erzählt uns Tom kurz seinen Werdegang mit körperlichem Burn-Out und Reha. Nicht uninteressant, aber wäre auch in einem Gespräch in der Pause gut aufgehoben gewesen. Von den anderen gibt es großes Interesse. Wir reden über die Macht der Gedanken. Wie ironisch, denn meine sind heute sehr mächtig. Karin sagt, man muss nur schlafen, weil es der Geist braucht, nicht der Körper. Medizin studiert hat sie also wohl auch noch, denke ich mir und hasse mich dafür. Ich merke, wie streng ich an diesem Wochenende mit mir bin und erkenne Muster aus meiner Kindheit mit meinem abwesenden Vater wieder. Langsam spüre ich einen großen Kloß in meinem Hals und möchte einfach nur noch nach Hause. Irgendetwas stimmt nicht, ich fühle mich nicht wohl. Morgen leite ich die Endentspannung an, bin aber zu müde, um noch einmal zu üben. Ich habe permanent ein schlechtes Gewissen und bin innerlich wieder acht Jahre alt. Putz dir endlich mal die Fingernägel, das ist ja eklig, höre ich die Stimme meiner Stiefmutter. In mir das Auge des Sturms.

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