Spirit, wo bist du?

Für viele im Yoga-Circle ist es DIE Motivation, um auf dem Weg zur Erleuchtung voll durchzustarten. Für mich war und ist es oft immer noch DAS Signalwort, um zum schnellsten Notausgang zu sprinten: Spiritualität. Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, sie wird mir aufgedrängt wie eine gefälschte Gucci-Tasche am tunesischen Wochenmarkt. Hier ist sie, nimm sie, liebe sie, genieße sie, glaube an sie, super Qualität, geh nicht, special price!! Aber vor allem in den letzten Monaten, als viele neue Gesichter in mein Leben getreten sind, wurden mir Charaktereigenschaften zugeschrieben, bei mir für möglich gehalten hätte. Geduldig, ruhig, ausgeglichen, tolerant, gefühlvoll. HÄ?! – mein erste Gedanke. Die sind alle auf Drogen – mein zweiter Gedanke. Aber da overthinking oder, wie ich es professioneller nenne, weil es einfach besser klingt, Selbstreflexion eines meiner größten Hobbys ist, habe ich natürlich viel darüber nachgedacht. Und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie recht haben. Ich habe mich verändert. Ich ändere mich. Und ich werde mich auch weiterhin ändern. Denn wie alles um mich herum bewege ich mich im Fluss dessen, was wir als Zeit bestimmt haben. Ich sehe mich jetzt als Teil eines großen, lebendigen Gefüges. Verdammt. Ich bin bin spirituell. Aber auf meine ganz eigene Art und Weise.

Der Blick von meinem Balkon auf die Nordkette lässt die Gedanken kreisen.

Es ist eine Erkenntnis, die mir nicht leicht fällt. Zum Teil hängt es vielleicht auch damit zusammen, dass ich inzwischen bei Tag 26 meiner MOVE Yoga Journey von Adriene bin, die mich so gnadenlos entsaftet und in trockenen Stückchen zurücklässt wie ein Thermomix ein alte Karotte. Ich bin müde, meine Handgelenke und mein Rücken schmerzen, ich kann diese Frau nicht mehr sehen. Und doch bin ich stolz wie nie zuvor, dass ich es bald geschafft habe.. Ich habe es zu einem festen Ritual gemacht, einmal am Tag auf meinem Balkon die Matte auszurollen. Hier fällt mein Blick auf grüne Baumkronen, Blätter und Äste, die am Geländer streifen, meine vielen, bunten Blumen. Ab und an auch auf eine kleine Amsel, die es sich in der Regenrinne bequem macht. Ich meditiere zum zwitschern der Vögel und zum leisen Zischgeräusch vorbeihuschender Autos. Gegenüber breitet sich die Nordkette in ihrer vollen Pracht aus. Ich denke viel an Italien, das von nun an meine zweite Wahlheimat werden wird. Dann fühle ich mich kurz so, als ob es mich schon immer gegeben hat und immer geben wird. An alles, was wächst, was uns ernährt, uns lehrt, uns wärmt und beschützt. Spiritualität ist für mich kein fetter Mann. Weder im Himmel, noch auf Erden. Kein Ave Maria, kein Ja und Amen, keine Oblaten, die am Gaumen kleben. Kein Vorhang und kein Verstecken. Keine Burka oder hundert Leben, in denen man die Brotscheibe vielleicht jedes Mal noch etwas dicker abschneiden könnte.

Sie ist Liebe zu mir, zu meinen Nächsten, zum Anders-Sein, zum Gleich-Sein, zur Wurzel unseres Seins, zu unseren Vorfahren, zu Gerechtigkeit, zu all unseren Erinnerungen, zum Verzeihen, zum Leben-Lassen, zu unseren Gedanken, unseren Worten, dem Augenblick. Sie ist Liebe.

Namasté.

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